Donnerstag, 15. November 2018
Solidaritätsanzeige

Dass die Schweiz das Land der Uhren ist, das weiß auch die Gewerkschaft. Darum betonierte sie als Mahnmal nach einem erfolgreichen Streik-Tag in Bern eine riesige Uhr vor den Baumeisterverband. Ein Reisebericht einer KOMintern-Aktivistin von einem Streiktag auf Berns Baustellen. 

„Morgen, da dürfen wir dann randalieren, oder?“, fragte ein junger Bauarbeiter auf einer Straßenbaustelle, nachdem er seine Arbeit kurz pausierte, um mit den Gewerkschaftern zu sprechen. Sehr viele positive Rückmeldungen durften wir bei unseren Besuchen an den Baustellen sammeln. Die meisten Arbeiter wissen, dass ihre Rechte gerade angegriffen werden. Viele sind allerdings eingeschüchtert von ihren Chefs oder haben sogar Briefe mit Drohungen erhalten, dass es gar nicht gerne gesehen wird, wenn sie sich am großen Streik-Tag in Bern am 1. November beteiligen. Dennoch, mit viel Engagement, Kampfgeist und auch Kreativität ist es der Gewerkschaft Unia gemeinsam mit den Arbeitern gelungen, alle Kräne in der Stadt lahmzulegen und 700 Bauarbeiter auf die Straßen zu bringen.

Alle drei Jahre werden in der Schweiz die „GAVs“ (Gesamtarbeitsverträge, zu vergleichen mit Kollektivverträge) ausgehandelt. Anfang 2018 war es für die Bau-Branche wieder soweit. Die Löhne sind seit fast vier Jahren nicht mehr gestiegen, außerdem kam der Baumeisterverband, also die Unternehmer, mit dem absurden Vorschlag, das Rentenalter von 60 auf 62 zu erhöhen. Selbstverständlich nicht, weil sie vorhatten, Bauarbeiter über 60 einzustellen, sondern um sich Abgaben für den Pensionstopf zu sparen. Nach ersten Protestmaßnahmen kamen sie mit der „Kompromisslösung“, entweder das Pensionsalter zu erhöhen oder die Arbeitszeit zu flexibilisieren. Also der gleiche Trend, der gerade durch Österreich mit dem 12h Tag zieht und für die Lohnabhängigen nur Nachteile bedeutet.

Ohne lange zu zögern, wussten die GewerkschafterInnen der Unia was zu tun ist. Unia ist mit Abstand die größte, stärkste und kämpferischste Gewerkschaft in der Schweiz. Es wurden monatelang Baustellen regelmäßig besucht, um Bauarbeiter über die Geschehnisse zwischen Gewerkschaft und Baumeisterverband zu informieren und um neue Mitglieder zu gewinnen. Alle Vorbereitungen liefen auf Streik-Tage in der ganzen Schweiz – von West nach Ost – aus. Angefangen von einem Streik im kleinen Tessin, an dem sich 3000 Bauarbeiter beteiligten, hin zu Genf und Fribourg, wo ebenfalls tausende Arbeiter für ihre Rechte und ihre Pension kämpften. Am 1. November war nun die erste Stadt in der Deutschschweiz an der Reihe. Noch bevor die Morgendämmerung angebrochen ist, sammelten sich zig Gewerkschaftssekretäre und freiwillige Helfer bei der Zentrale der Unia Bern in der Monbijou-Straße. In Gruppen zu jeweils etwa 10 Personen und beladen mit allerlei nützlichem – Ketten, Schlösser, Banner, Poster, Klebeband u.v.m. – soll jede Gruppe eine Route von Baustellen abklappern und wenn sie nicht ohnehin schon wegen des Streiktages geschlossen war blockieren. Kein Kran bewegt sich, kein Streik wird gebrochen war die Devise. Mit Erfolg. Über hundert Baustellen in Bern und auch außerhalb sind stillgestanden, trotz tätlicher Angriffe auf GewerkschafterInnen und Polizei-Eingriffen. Mit Bussen wurde der Großteil der Arbeiter vor den Baustelle abgeholt und zum Sammelpunkt gebracht – der übrigens eine spontan besetzte Baustelle war. Doch zahlreiche Bauarbeiter sind von selbst und überaus motiviert zum Treffpunkt gekommen. Nach einem warmen Gulasch für alle ging es los mit der anschließenden Demonstration, doch die Abschluss-Aktion war uns noch unklar. Unter dem Rauch roter Rauchtöpfe griff der Berner Sektionsleiter der Unia für die Bau-Branche zur Schaufel und betonierte gemeinsam mit einigen weiteren Gewerkschaftssekretären eine riesige Uhr vor das Gebäude des Baumeisterverbandes ein. Polizei war zwar anwesend, doch gegen eine tobende Menge hunderter motivierter Bauarbeiter können sie nichts ausrichten.

Am fünften November fand ein weiterer Streiktag in der Deutschschweiz statt und am sechsten der krönende Abschluss in der Schweizer Hauptstadt Zürich. Insgesamt beteiligten sich gut 10.000 Bauarbeiter an den Streiktagen und sollte ihr Pensionsalter oder ihre Arbeitszeiten weiterhin angegriffen werden, dürfen wir mit weiteren Maßnahmen der Gewerkschaft Unia rechnen.

Was wir in Österreich  daraus lernen können, ist, dass solch branchenweite Streiks sehr wohl auch in hochentwickelten, westlichen Staaten nicht nur möglich, sondern auch nötig sind. Außerdem sehen wir hier, wie Gewerkschaften kämpferisch agieren und mit ihrer konsequenten Arbeit das Vertrauen der Lohnabhängigen erhalten und damit auch die Kraft, Arbeitskämpfe zu gewinnen.

Quelle:

KOMintern

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